Editio Domini · MMXXVI

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Rose · Mai 2026

VDR-Rosendorf seit 1989: Wie sich die 130 DACH-Rosendörfer organisieren

Der Verein Deutscher Rosenfreunde wurde 1883 in Baden-Baden gegründet und zähle heute rund 9.000 Mitglieder. Sein Prädikat „Rosendorf" — vergeben seit 1989 — hat in der DACH-Region inzwischen etwa 130 Gemeinden ausgezeichnet. Eine Bestandsaufnahme zwischen Sortenvielfalt, Tourismus und Pflegerealität.

Eine Auszeichnung aus Baden-Baden, die ins Dorf wirkt

Wenn ein Dorf im DACH-Raum sich „Rosendorf” nennen darf, dann steht hinter dieser Bezeichnung kein Marketing-Etikett, sondern ein formales Prädikat des Vereins Deutscher Rosenfreunde e. V. (VDR). Der Verein, gegründet 1883 in Baden-Baden, vergibt diese Auszeichnung seit 1989 an Gemeinden, die nach einem mehrjährigen Bewerbungs- und Prüfverfahren bestimmte Kriterien erfüllten: eine repräsentative Pflanzung im öffentlichen Raum, ein dokumentiertes Pflegekonzept, eine engagierte örtliche Trägerschaft und eine erkennbare Einbindung der Rose in die kommunale Identität.

Rund 130 Dörfer und Gemeinden in der DACH-Region tragen aktuell dieses Prädikat. Die meisten lägen in Deutschland — Schwerpunkte bilden Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt —, einige in Österreich (etwa rund um die Wachau und im Burgenland) und vereinzelt in der deutschsprachigen Schweiz. Was diese Dörfer eint, sei nicht eine bestimmte Größe oder Wirtschaftsstruktur, sondern die institutionelle Selbstverpflichtung, der Rose dauerhaft einen sichtbaren Platz im Ortsbild einzuräumen.

Der VDR: Älter als das Deutsche Reich der Gründerzeit annahm

Der Verein Deutscher Rosenfreunde gehört zu den ältesten privaten gartenkulturellen Vereinigungen Deutschlands. Seine Gründung 1883 fiel in eine Phase, in der die bürgerliche Gartenkultur — Stichwort Hausgarten, Stichwort öffentlicher Park — in Europa einen ersten Höhepunkt erlebte. Die Gründungsgeneration, eine Mischung aus Hofgärtnern, Wissenschaftlern und gartenliebenden Privatleuten, schuf in kurzer Zeit Strukturen, die bis heute weiterwirkten: das seit 1886 erscheinende Rosenjahrbuch — eine der ältesten kontinuierlich publizierten gärtnerischen Fachzeitschriften des deutschsprachigen Raums —, ein dichtes Netz regionaler Freundeskreise und ein eigenes Sichtungsverfahren.

Aktuell zähle der VDR nach eigenen Angaben rund 9.000 Mitglieder. Damit sei er kein Massenverband wie der DOSB, wohl aber eine der mitgliederstärksten Spezialgesellschaften der deutschen Gartenkultur. Sitz und Geschäftsstelle befinden sich in Baden-Baden — eine geografische Konstante, die der Verein in 143 Jahren nicht aufgegeben hat.

Das Europa-Rosarium Sangerhausen: Ein botanisches Schatzhaus

Eng mit dem VDR verbunden, aber rechtlich eigenständig, sei das Europa-Rosarium in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt). Es wurde 1903 eröffnet und gilt heute als die größte Rosensammlung der Welt. Auf etwa 12,5 Hektar wachsen dort nach Angaben des Rosariums rund 80.000 Rosenpflanzen aus etwa 8.700 Sorten — eine Zahl, die kein zweites Rosarium weltweit erreiche.

Die Sammlung umfasse Wildrosen, historische Sorten ab dem 16. Jahrhundert, moderne Tee-Hybriden und Züchtungen des 21. Jahrhunderts. Sie diene nicht nur dem Publikumstourismus, sondern auch der wissenschaftlichen Sortenerhaltung — ein Aspekt, der angesichts des fortschreitenden Sortenrückgangs im kommerziellen Gartenbau zunehmend an Bedeutung gewinne. Die Stadt Sangerhausen wiederum profitiere von dem Rosarium touristisch erheblich; sie habe sich nach eigener Darstellung von einer ehemaligen Kupferbergbaustadt zu einem überregional wahrgenommenen „Rosentor” entwickelt.

Eine kurze Geschichte der Rosenzüchtung — und ihrer Folgen für das Dorf

Was im VDR-Rosendorf gepflanzt wird, ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern auch der Züchtungsgeschichte. Zwei Zäsuren prägten die moderne Rosenwelt besonders nachhaltig:

1867 schuf Jean-Baptiste-André Guillot fils im französischen Lyon die Sorte „La France” — gemeinhin als erste Tee-Hybride gewertet. Mit ihr begann die Ära der modernen Garten-Rose: Sorten mit kräftigen Stielen, edler Blütenform, häufiger Wiederholblüte und einer Farbpalette, die ältere Rosen nicht boten. Tee-Hybriden prägten das Bild der Rose im 20. Jahrhundert — sie sind das, was die meisten Menschen meinen, wenn sie umgangssprachlich „Rose” sagen.

1969 ging der englische Züchter David Austin mit seiner Sorte „Constance Spry” einen anderen Weg: Er kreuzte historische Gallica- und Damaszener-Rosen mit modernen Floribunda- und Tee-Hybriden. Heraus kam die Familie der English Roses — Sorten, die die Blütenfülle und den Duft historischer Rosen mit der Robustheit und Wiederholblüte moderner Sorten verbinden. Diese Linie prägt seit den 1990er-Jahren das Bild europäischer Gärten erheblich; in vielen Rosendörfern dominieren Austin-Sorten heute die öffentlichen Pflanzungen.

Eine dritte deutsche Konstante sei die ADR-Prüfung (Allgemeine Deutsche Rosenneuheitenprüfung), die seit 1948 von einem Konsortium aus VDR, Bundessortenamt und Bund deutscher Baumschulen organisiert wird. Sie bewertet neue Sorten über mehrere Jahre an verschiedenen deutschen Standorten auf Robustheit, Gesundheit, Winterhärte und Blütenleistung. Das ADR-Prädikat sei in der Branche ein anerkanntes Qualitätssiegel; viele Rosendörfer orientierten ihre Neupflanzungen explizit daran.

Wie ein Dorf zum Rosendorf wird

Das Verfahren der Prädikatsverleihung sei mehrstufig. Eine interessierte Gemeinde stelle einen formalen Antrag beim VDR. Eine Fachkommission besichtige die geplanten oder bestehenden Pflanzungen, prüfe das Pflegekonzept und befrage die ehrenamtliche Trägerschaft — meist einen örtlichen Verein, eine Bürger:inneninitiative oder eine bestehende Gartenbaugruppe. Erst wenn alle Kriterien dauerhaft erfüllt seien, werde das Prädikat verliehen; eine Nachprüfung erfolge in mehrjährigen Abständen.

Im Hintergrund stehe eine ökonomische Erwartung: Rosendörfer berichten in der Regel von einem messbaren touristischen Effekt. Reisegruppen — meist Tagesgäste aus dem näheren Umfeld — besuchen die Pflanzungen, häufig in Kombination mit Gartenmessen, Sortenpräsentationen oder lokalen Festivitäten. Die Höhe dieses Effekts sei je nach Lage und Marketing unterschiedlich; pauschale Zahlen seien hier mit Vorsicht zu genießen. Ein durchschnittliches Rosendorf könne nach Angaben befragter Tourismusverbände mit zusätzlichen Tagesgästen im niedrigen vierstelligen Bereich pro Jahr rechnen.

Die Schattenseiten: Pflege, Klima und Sortenkrise

Es wäre romantisierend, das Bild des blühenden Rosendorfes ungebrochen zu zeichnen. Drei Problemkreise verdienen redaktionelle Aufmerksamkeit:

Erstens der Pflegeaufwand. Rosenpflanzungen seien arbeitsintensiv. Schnitt, Düngung, Bewässerung in trockenen Sommern, Krankheitsmanagement und gelegentliche Neupflanzung verlangen kontinuierliches Engagement. In kleineren Gemeinden hänge diese Arbeit häufig an wenigen Ehrenamtlichen — eine Konstellation, die mit deren Lebensalter altert. Mehrere Rosendörfer haben in den vergangenen Jahren Anpassungen ihrer Pflanzungen vornehmen müssen, weil die ehrenamtliche Pflegekapazität nicht mehr ausreichte.

Zweitens die klimatische Entwicklung. Trockene Sommer, milde Winter und veränderte Schädlingsdynamik (Stichwort Rosenrost, Echter Mehltau, Sternrußtau) belasten viele klassische Sorten erheblich. Züchter wie David Austin Roses, Kordes, Tantau oder Meilland reagierten mit robusteren Neuzüchtungen — ihre Verbreitung in den öffentlichen Pflanzungen sei aber langsam, weil bestehende historische Sortimente nicht einfach ausgetauscht werden könnten.

Drittens eine schleichende Sortenkrise. Der Erhalt historischer Sorten lebe vor allem von Sammlerinnen, Sammlern und Spezialgärtnereien. Die kommerzielle Gärtnereilandschaft wiederum konzentriere sich zunehmend auf wenige robuste Marktrenner. Initiativen wie die Sortenerhaltungsarbeit des Europa-Rosariums Sangerhausen oder die Sammlung im Rosarium Uetersen versuchten gegenzusteuern, sind aber auf öffentliche und private Förderung angewiesen.

VDR, Stadt und Landschaftsverband: Eine empfindliche Kooperation

Die Kooperation zwischen dem VDR, der jeweiligen Gemeinde und gegebenenfalls einem Landschaftsverband sei strukturell empfindlich. Der VDR bringe Fachkompetenz und das Prädikat; die Gemeinde übernehme Pflege und Finanzierung; ein Landschafts- oder Tourismusverband flankiere häufig mit Marketing. Wenn eine dieser drei Säulen schwächele — etwa weil ein neuer Gemeinderat andere Prioritäten setze —, gerate das ganze Gefüge ins Wanken. Mehrere ehemalige Rosendörfer haben ihr Prädikat in den vergangenen Jahren niedergelegt; öffentlich kommuniziert werde das selten, geschehe aber regelmäßig.

Ein Ausblick: Die Rose als gartenkulturelles Erbe

Inzwischen sei die Rose nicht nur eine Pflanze, sondern auch ein gartenkulturelles Erbe — vergleichbar mit dem Streuobst, dem Bauerngarten oder dem historischen Baumbestand. Im Rahmen der UNESCO-Diskussion um immaterielles Kulturerbe sei zwar bislang keine spezifische Rosenkultur eingetragen worden; die historische Gartenkultur als solche werde aber zunehmend als bewahrenswertes Gut anerkannt.

Für die 130 DACH-Rosendörfer bedeute das eine doppelte Aufgabe: einerseits die alltägliche Pflege ihrer Pflanzungen, andererseits die kommunikative Vermittlung dessen, was dort wachse. Wer durch ein gut gepflegtes Rosendorf gehe — etwa durch Steinfurth in Hessen (das älteste deutsche Rosendorf, mit Tradition zurück ins 19. Jahrhundert) oder durch Forst in der Lausitz —, der erlebe gartenkulturelle Kontinuität in ihrer dichtesten Form. Diese Kontinuität sei nicht selbstverständlich. Sie sei das Ergebnis langjähriger Vereinsarbeit, kommunaler Entscheidungen und ehrenamtlichen Einsatzes — und sie verdiene, regelmäßig und kritisch begleitet zu werden.

Die Sichtung neuer Sorten: Wie ADR und Rosarium zusammenarbeiten

Wer wissen wolle, welche Rosen sich in der DACH-Region tatsächlich bewähren, müsse die ADR-Prüfung verstehen. Die Allgemeine Deutsche Rosenneuheitenprüfung sei kein Schönheitswettbewerb, sondern ein über mehrere Vegetationsperioden geführter Belastungstest. Beteiligt seien aktuell rund elf Prüfgärten, verteilt über klimatisch unterschiedliche Regionen Deutschlands — von Glücksburg an der Ostsee bis zum württembergischen Hohenheim, vom rheinischen Köln bis ins sächsische Pillnitz. Jede neue Sorte werde an allen Standorten ohne chemischen Pflanzenschutz kultiviert. Bewertet würden Blattgesundheit (insbesondere Resistenz gegen Sternrußtau und Echten Mehltau), Frosthärte, Wuchsleistung, Knospen- und Blütenqualität, Wiederholblüte, Duftleistung.

Nur Sorten, die nach drei Prüfjahren in der Gesamtbewertung positive Werte erreichten, dürften das ADR-Prädikat führen. Der Anteil an erfolgreichen Sorten liege je nach Prüfjahrgang in einem niedrigen einstelligen Prozentbereich der angemeldeten Neuheiten — die Quote sei deutlich niedriger als bei vielen anderen Pflanzensiegeln. Genau diese Selektionsschärfe begründe das hohe Ansehen, das das ADR-Siegel in der Branche und in den Rosendörfern genieße.

Parallel dazu führe das Europa-Rosarium Sangerhausen ein eigenes Sortimentsregister. Hier liege der Akzent stärker auf der dokumentierten Sortenerhaltung. Was im ADR auf Marktreife geprüft werde, werde in Sangerhausen kulturhistorisch bewahrt — auch dann, wenn eine Sorte heute keine kommerzielle Bedeutung mehr habe. Beide Institutionen ergänzen einander; sie konkurrieren nicht.

Das Rosendorf als touristische Marke: Eine empfindliche Ökonomie

Die meisten DACH-Rosendörfer haben über die Jahre eigene Veranstaltungsformate aufgebaut: Rosentage, Sortenfestivals, Garten-Wochenenden, gartenkulturelle Wanderungen. Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Formate sei für die jeweilige Gemeinde nicht zu unterschätzen. Befragte Tourismusverbände nennen pro Veranstaltungstag mittlere bis hohe vierstellige Besucher:innenzahlen — in Spitzenfällen auch fünfstellig — wenn der Veranstaltungstermin gut platziert sei und mit Verkehrsanbindung wie Gastronomie zusammenpasse.

Die ökonomische Lage sei dennoch fragil. Drei Risiken seien strukturell: erstens das Wetter, das gerade in der Hauptblüte Mitte Juni einzelne Veranstaltungen über Nacht ruinieren könne; zweitens die Konkurrenz mit anderen Garten-Tourismusangeboten, die in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gewachsen sei (siehe etwa die zahlreichen Gartenroute-Projekte in Norddeutschland); drittens der demografische Faktor: Das Stammpublikum der gartenkulturell interessierten Tagesgäste sei mehrheitlich über 60 Jahre alt — eine Nachwuchsgewinnung sei mühsam und langfristig.

Mehrere Rosendörfer haben deshalb in den vergangenen Jahren ihre Programme verjüngt: Workshop-Formate für Familien, Mitmach-Pflanzaktionen für Schulklassen, Kombinationsangebote mit lokaler Gastronomie. Ob diese Programme nachhaltig tragen, sei empirisch noch offen.


Ressort: Rose